Historie

Heimerziehung im Wandel der Zeit

Schon in früheren Jahrhunderten gab es die Heimerziehung und Vorformen des Pflegekinderwesens. Das 1922 verabschiedete Reichsjugendwohlfahrtsgesetz und das Jugendhilfegesetz waren in beiden Teilen Deutschlands auch nach dem 2. Weltkrieg gültig.

Die Heimunterbringung stand in dieser Zeit im Vordergrund. Die Heime hatten den Charakter von Erziehungsanstalten. Betreuer brauchten keinerlei pädagogische Kenntnisse oder fachgebundene Ausbildung. Mit Vorlage des sogenannten “Leutnantpatentes” konnte jeder Erzieher in einem Kinderheim werden. Heimerziehung mit “Anordnungscharakter” im Auftrag der Fürsorge wurde auch ohne Einwilligung der Eltern vollzogen. Namhafte Pädagogen wie Pestalozzi und Wichern kritisierten diese gängige Praxis vehement und forderten schon im vorletzten Jahrhundert Reformen im Heimbereich.

Die “totale Institution Heim” geriet im Zuge der Studentenbewegung der 68er endgültig in die Kritik. Im Bereich der Jugendhilfe wurde die sogenannte “Heimkampagne” in Gang gesetzt und so rückten von 1968 an in der Bundesrepublik mehr und mehr pädagogische Maßnahmen wie ambulante Hilfe und das Pflegekinderwesen in den Mittelpunkt.

Die grundlegende Umstrukturierung schloss mit einem 1989/1990 verabschiedeten Gesetz ab: Dem KINDER- UND JUGENDHILFEGESETZ (KJHG).

St. Vinzenz e.V. – Rückblicke

Der Orden der Vinzentinerinnen betreute schon vor der Einrichtung des Säuglings- und Waisenheimes Kinder im Elisabeth Hospital im Gerber-Viertel. Der Wunsch, diese Kinder in einem eigenen Haus betreuen zu können, wird geboren.

Am 27.09. 1887 wird das neu erbaute St. Vinzenz Säuglings- und Waisenheim festlich eingeweiht und die ersten 52 Kinder können aufgenommen werden.

ca. 1900

1922 werden das Reichswohlfahrtsgesetzt und weitere Jugendhilfegesetze verabschiedet.

1937 gibt es einen neuen Namen: Aus dem Säuglings- und Waisenheim wird das St. Vinzenz Kinderheim e.V.

1943 werden im Krieg die Kinder in kleinen Gruppen evakuiert. Nach Paderborn, Höxter, Struckenbrock und Speyer. Eine Gruppe bleibt im Imbuschplatz und wird am 26.06.1943 Opfer eines Luftangriffs. Von 104 verschütteten Kindern sterben 65.

1945 kehren die Kinder teilweise nach Bochum in ein Haus an der Königsallee zurück, können aber nicht in ihr Kinderheim einziehen. Das Haus am Imbuschplatz muss erst wieder aufgebaut werden.

1954 wird der Neubau geplant. Inzwischen ist der Bedarf rapide gestiegen und das neue Haus soll 250 Kindern Platz bieten.

1956 gründen engagierte Bochumer Bürger den “Verein der Freunde des St. Vinzenz Kinderheims” und unterstützen den Neubau.

ca. 1957

1957 ist das neue Kinderheim am Imbuschplatz fertig! Die Vinzentinerinnen sind Vorreiter der modernen Pädagogik und richten Familiengruppen ein, in denen 200 Kinder von 15 Ordensschwestern und 40 Mitarbeitern betreut werden.

1960 wird eine neue Gesetzesgrundlage verabschiedet: Das Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG 5/6, FEH, FE) löst das alte Jugendhilfegesetz ab.

1975 stellen sich die Vinzentinerinnen den Herausforderungen der 60er/70er Jahre und stellen Kinderpsychologen und ausgebildete Pädagogen ein.

1986 richtet der St. Vinzenz e.V. Tagesgruppen zur Erziehungshilfe ein und verlässt damit die klassische Angebotsstruktur von Kinderheimen. Die Kinder sollen betreut werden, aber bei ihren Familien bleiben können.

1989 werden die größeren Kinder “ausquartiert”; in Bochumer Stadtteilen leben sie nun in Wohngruppen.

1990 ändert sich erneut die Gesetzesgrundlage. Aus dem Jugendwohlfahrtsgesetz wird das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), das heutige SGB VIII. Ein neues Verständnis der Jugendhilfe tritt in Kraft. Eine Vielzahl neuer ambulanter und stationärerer Angebote wird eingeleitet.

1996 öffnet sich der St. Vinzenz e.V. weiter: Ambulante Hilfe zur Erziehung erhalten Eltern und Kinder im Rahmen der Sozialen Gruppenarbeit.

2000 wechselt die Leitung: Die Vinzentinerinnen übergeben an Frau Dieckmann (heute Funke).

2001 wird, neben der bereits bestehenden Diagnosegruppe “Impuls”, das zweite Intensivangebot, die Sozialtherapeutische Jungenwohngruppe “Aktio” eröffnet.

2005 führen strukturelle Veränderungen und der Ausbau weiterer ambulanter Angebote zur Namensänderung. Aus dem St. Vinzenz Kinderheim e.V. wird der St. Vinzenz e.V.

2006 nimmt das “Ambulante Jugendhilfezentrum Bochum-Mitte” die Arbeit auf. In den Folgejahren entstehen vielfältige ambulante, pädagogische Angebote für Kinder, Jugendliche und ihre Familien.

2010 wird die dritte Intensivgruppe, die Indivudualpädagogisch-therapeutische Jungenwohngruppe “Fokus” eröffnet. 2020 wird aus der reinen Jungenwohngruppe ein koedukatives Angebot.

2011 werden in dem neuen stationären Hilfeangebot “Globus” unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge aufgenommen.

2013 nimmt die Diagnosegruppe “Impuls I – Diagnostik für Kleinkinder” die Arbeit auf.

2015 zieht der Fachbereich Pflegekinder mit den Angeboten “WPF” und “BPS” von dem Imbuschplatz in die Hermannshöhe.

2016 eröffnet die Kinderwohngruppe “Orbus” und die Intensivwohngruppe “Gradus”.

2017 wird die Regelwohngruppe für Kinder “Villa Valeska” zur Inklusionswohngruppe für Kinder umkonzeptioniert.

2019 eröffnet “Unicus”; ein Tagesgruppenangebot für Bochumer Schulabsentisten.